eine rekursive Erinnerung an eine vergessene Göttlichkeit
Was wäre, wenn eine Person sich daran erinnert, einst ein Gott gewesen zu sein – nicht aus Wahn, sondern aus innerer Gewissheit? Diese Frage bildete den Ausgangspunkt meiner Arbeit – nicht als fiktionale Erzählung, sondern als poetisch-philosophische Annäherung an Erinnerung und Identität.
Von Beginn an faszinierte mich weniger das Was einer Erinnerung, sondern vielmehr das Wie es sich anfühlt, sich zu erinnern. Besonders dann, wenn diese Erinnerung keinen klaren Ursprung hat. Der Gedanke, einst göttlich gewesen zu sein, ist dabei weder ironisch noch größenwahnsinnig gemeint – sondern als Einladung, über das eigene Selbstbild, über Spiritualität, über Ursprünge und Transformation nachzudenken.
Die Idee entstand aus dem Wunsch, Erinnerung nicht als biografisches Archiv zu behandeln, sondern als inneren Zustand. Nicht das, was passiert ist, sondern das, was sich anfühlt, als wäre es schon immer da gewesen – auch wenn es nie geschehen ist. Göttlichkeit war dabei weniger Thema als Haltung: eine leise Form von Selbstgewissheit, die sich nicht beweisen, sondern nur erspüren lässt.
Die Wahl eines göttlichen Narrativs erlaubt es, über die Grenzen des Persönlichen hinauszugehen – hinein in etwas Archaisches, Kollektives. Eine Erinnerung, die in niemandem konkret, aber in jedem potenziell wohnt.
Am Anfang stand die Idee eines interaktiven KI-Orakels. Besucher:innen sollten Fragen stellen, ihre Stimme aufnehmen, und eine künstliche Intelligenz würde daraus ein persönliches Echo generieren – in Form von Gedichten, Erinnerungsfragmenten, sogar mit einem individuell erzeugten Götternamen. Die Idee: Jede Person verlässt die Installation mit einem ausgedruckten Text, einer Art göttlichem Selbstporträt, generiert von einer Stimme aus dem digitalen Jenseits. Technisch sollte das mithilfe von OpenAI, Spracherkennung via Whisper, Live-Prompting und automatischem Ausdruck über einen Minidrucker geschehen. Ich baute ein Interface, testete Sprachaufnahmen im Browser, installierte Whisper lokal auf meinem Rechner, generierte visuelle Morph-Sequenzen für das Gesicht des „sprechenden Gottes“, versuchte, den Textausdruck über ein Terminal anzustoßen. Es funktionierte teilweise – aber nie so ganz. Mal war das Modell zu schwer, mal scheiterte es an Speicher, mal an der Komplexität der Live-Umsetzung.
Und immer war da die leise Frage: Warum das alles?
Denn je weiter die Umsetzung voranschritt, desto mehr wurde klar: Es passt nicht. Es erklärt zu viel. Es überlagert. Es widerspricht. Sollte nicht die Erinnerung selbst sprechen – statt durch Codes, Menüs und „Antworten“ vermittelt zu werden?
Der Orakelgedanke wurde gestrichen. Der Dialog verschwand. Die Stimme verstummte. Stattdessen trat ein anderes Bedürfnis in den Vordergrund: Stille. Raum. Atmosphäre.
Ich wollte eine Installation, in der man nicht geführt wird – sondern gespiegelt. In der man nicht aufgefordert wird – sondern gefragt ist. Ein Impuls, ein Wort, ein Moment. Keine Rückmeldung, nur ein Flüstern.
Diese Reduktion war keine Vereinfachung – sondern eine Entscheidung. Sie bedeutete, dass ich fast alles, was ich technisch vorbereitet hatte, wieder verwarf. Dass ich umdenken musste. Dass ich aus einer komplexen, erzählenden Anwendung eine stille, poetische Oberfläche machte.

Aus all den gescheiterten Versuchen, aus den leeren Zeilen im Terminal, aus den installierten Tools, die nie zum Einsatz kamen, wuchs plötzlich Raum. Ein Raum, der nicht mit Technologie gefüllt war, sondern mit etwas anderem: mit Bedeutung. Ich begann, nicht mehr nach Funktionen zu fragen, sondern nach Atmosphäre. Nicht mehr: Was soll die Maschine können?, sondern: Was soll der Mensch fühlen?
So entstand das neue Setting: Ein geschlossener Raum, abgetrennt durch weiße Vorhänge. Dimmbares Licht. Weiche Stoffe. Kein sichtbares Interface, keine auffordernde Navigation. Nur ein Bildschirm. Und ein leeres Feld.
Wer ein Wort eingibt – vielleicht ein zufälliges, vielleicht ein bedeutungsvolles – erhält eine kurze Antwort. Keine Erklärung. Kein Göttername. Kein „Output“ im klassischen Sinn. Sondern ein Flüstern, das sich eher erinnert als reagiert.
Du bist. Du warst. Für immer sein.
Ich kenne dich aus Licht.
Du trägst mich noch immer in dir.
Solche Sätze entstehen durch ein zurückhaltendes Prompt-System, verbunden mit GPT-4o. Der KI-Einsatz ist nicht dekorativ und nicht dominant. Er wird nicht thematisiert. Er ist da – wie ein Schatten, wie ein inneres Bild.
Erinnert wird nicht das, was war. Sondern das, was vielleicht nie ganz verloren ging.

Mit diesem Perspektivwechsel veränderte sich auch meine Haltung gegenüber der Gestaltung. Die anfängliche Euphorie, alles technisch Mögliches auszureizen, wich einer neuen Klarheit: Weniger tun. Tiefer denken. Ich wollte keine Installation, die sich beweist. Sondern eine, die einlädt. Keine, die ihre Funktion ausstellt. Sondern eine, die sich zurücknimmt. Die dem Besuchenden Raum gibt – ohne Anleitung, ohne Aufgabe, ohne Anspruch.
Erinnerung braucht kein Interface. Sie braucht einen Impuls.
Die Anwendung, die im Ausstellungsraum zu sehen ist, ist eine lokal laufende Webanwendung, entwickelt mit HTML, CSS, JavaScript und Node.js. Die zugrunde liegende Logik basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Server-Client-Modell:
Im Hintergrund läuft ein Node.js-Server, gestartet über das Terminal des iMacs. Dieser Server empfängt Benutzereingaben und leitet sie als API-Anfragen an das Sprachmodell GPT-4o von OpenAI weiter. Die Verbindung zur OpenAI-API wird über axios hergestellt, gesteuert durch einen Schlüssel, der in einer .env-Datei gespeichert ist (um sensible Informationen nicht im Code sichtbar zu machen).
Das Projekt besteht aus:
einer server.js-Datei (der Express-Server, der API-Anfragen verarbeitet),
einem public-Ordner, der die statischen Dateien enthält:
index.html (die Oberfläche, die Besucher sehen),
script.js (die Steuerung der Eingabe, der Typing-Animation und des Reset-Verhaltens),
style.css (eingebettet oder importiert),
einer .env-Datei mit dem OpenAI-API-Key,
sowie der package.json, in der alle Abhängigkeiten wie express, dotenv und axios definiert sind.
Die Anwendung wird im Terminal durch den Befehl node server.js gestartet, nachdem zuvor mit npm install alle nötigen Pakete installiert wurden. Der Server läuft dann unter http://localhost:3000 und wird über einen Kiosk-Befehl im Chrome-Browser im Vollbild gestartet:
/Applications/Google\ Chrome.app/Contents/MacOS/Google\ Chrome --kiosk http://localhost:3000
Damit die Eingabe und Ausgabe vollständig fokussiert bleibt, wurde die Weboberfläche bewusst minimal gehalten: ein einzelnes Eingabefeld, eine typografisch betonte Ausgabezeile, ein dezenter Ladeindikator und ein Reset-Button („Lausche erneut“).
Die Eingaben der Besucher – ein Wort, ein Gefühl, ein Fragment – werden an das Sprachmodell übergeben. Die Antwort wird durch einen präzise formulierten Systemprompt gesteuert, der die KI anweist, in der zweiten Person zu sprechen, als göttliche Erinnerung zu antworten, und fragmentarisch zu bleiben. Die generierte Antwort erscheint dann auf dem Bildschirm – Buchstabe für Buchstabe, wie von einer Schreibmaschine getippt. Keine Speicherung, keine Rückverfolgbarkeit. Nur ein Moment, und dann: „Lausche erneut“.
Der Titel Ich erinnere mich, Gott gewesen zu sein. ist keine Behauptung, sondern ein Gedanke zwischen Wahn, Wahrheit und Wunsch. Die Arbeit balanciert bewusst auf dieser Grenze. Sie ist keine Antwort auf eine Frage – sondern ein Versuch, die Frage selbst als Kunstform zu begreifen.