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verfasst von Lisa Oelsen - Februar 9, 2025

Erinnerungssplitter – Wahrheit bewahren

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Erinnern, um nicht zu vergessen: Wie unverzichtbar es ist, die Vergangenheit wahrheitsgemäss in Erinnerung zu behalten, beweisen uns aktuelle Ereignisse – sowohl in der Politik, als auch in unserer Gesellschaft – leider viel zu deutlich. Doch wie verändert sich die Beziehung zur Erinnerung wenn das eigene Gedächtnis schwächer wird?

Wenn Andere einen besseren Zugang zu den persönlichen Erinnerungen zu haben scheinen, als man sie selbst abrufen kann, verändert sich das eigene Verständnis von und die Verlässlichkeit auf das eigene Gedächtnis. Inwiefern ist da Künstliche Intelligenz tatsächlich eine Hilfe? Und wieso kann für die Erinnerungskultur generative KI sogar zur Gefahr werden? Ob mit Erinnerungslücken oder mit KI fiktiv vervollständigt – das steht fest: Erinnerungen und persönliche Lebensgeschichten tragen heute dazu bei, die Vergangenheit nicht in der Zukunft sich wiederholen zu lassen.

Idee des Konzepts

Diese Gedanken greife ich in meiner Arbeit »Erinnerungssplitter – Wahrheit bewahren« auf und beschäftige mich mit der Diskussion, inwieweit Erinnerungslücken im Alter sogar fester Bestandteil der eigenen Erinnerung werden und somit authentisch dazugehören und ob es an uns Gerstalter:innen liegt, diese durch die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz zu füllen.

Während meiner Auseinandersetzung mit dem Thema »Fiktive Erinnerung – Our Favourite False Memory« und meinem ursprünglichen Vorhaben, die aufgeschriebenen Erinnerungen meines Opas mit generierten Bildern zu verdeutlichen und so seine an seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg begleitend zu visualisieren, stiess ich immer wieder auf Gedankenkonflikte. In Gesprächen mit ihm stellte ich immer wieder fest, wie schnell Erinnerungen auch schwinden können und was für eine Verunsicherung dies auch verständlicherweise mit sich bringt.

»Ich erinnere mich an das Abholen von Lebensmittelkarten vom Rathaus durch meine Mutter. Man wollte ihr dort partout eine Hakenkreuzfahne aufdrängen, mit der unser Haus anlässlich des Geburtstages dieses unsäglichen Österreichers beflaggt werden sollte. Meine Mutter hat sich erfolgreich mit der Ausrede gewehrt, dass sich bei uns keine Fahne anbringen lasse. Wir beiden Kinder bekamen dann jeder einige Hakenkreuzfähnchen in die Hand. Mit diesen roten Fähnchen haben wir dann dem später stattfindenden Umzug zugewinkt. Diese Aktion war meine einzige Sympathiebekundung an das Dritte Reich.« – mein Opa über seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg

Hätte ich nicht rechtzeitig erkannt, dass die Vollständigkeit einer Erinnerung, nicht annähernd so viel Stellenwert wie ihre Authentizität hat, hätte ich mit Werkzeugen wie text-to-image-Tools (Stable Diffusion und Flux) den Verschriftlichungen meines Opas eine zusätzliche Ebene gegeben, indem ich entsprechende Bilder generiert hätte. Ausserdem hätte ich die wenigen Fotos, die noch aus dieser Zeit existieren, mit image-to-image-Tools erweitert und letztendlich meinem Opa eine vielseitige Auswahl an Bildmaterial angeboten, in denen er die Erinnerung an seine eigene Kindheit wiederfinden hätte können. Mit dem Bildbearbitungsprogramm Krita hätte ich sein Gesicht und das seines Bruders auf die von mir generierten Kinder gezeichnet und eine geeignete LoRa hätte diese authentisch echte Täuschung letztendlich perfektioniert.

Authentizität oder Vollständigkeit?

Doch es geht nicht um Perfektion. Es geht nicht um Vollkommenheit. Erinnerungen sind individuell und oft bruchstückhaft. Diese Lücken werden im Laufe unseres Lebens immer zahlreicher und das ist menschlich. Ist es nicht vielleicht auch die »natürliche Evolution der Erinnerung«: Wir geben sie weiter, wir teilen sie miteinander, wir vergessen Teile von ihr und wenn wir wieder in den Austausch gehen, erinnern wir uns manchmal an diese in Vergessenheit geratenen Stücke zurück – ganz ohne, dass wir sie mit fiktiven Erinnerungen ersetzen müssen. In diesem Sinne trage ich die Erinnerungen meines Opas weiter und auch wenn es nicht meine eigenen sind, so sind es doch authentische Erinnerungen. So entstehen aus individuellen Erinnerungen, gemeinsame.

Bildbeschreibung

Der Fokus meiner Arbeit liegt also auf der Diskussion über die Relevanz von Wahrheit und über die Rolle fiktiver Erinnerungen in Bezug auf reale Geschehnisse und ihrem Risiko für unsere Gesellschaft. Hierzu setzte ich mich neben den verschiedenen Formen der Erinnerung, auch mit den unterschiedlichen Arten des Gedächtnis auseinander. Das Kollektive Gedächtnis ist von dem individuellen abzugrenzen und doch besteht eine konstante Wechselbeziehung.

Gestaltung der Ausstellung

Herzstück meiner Installation wird das Ergebnis meiner typografischen Auseinandersetzung mit den verschriftlichen Erinnerungen meines Opas, die er selbst als »Erinnerungssplitter« betitelt, sein. Denn das Buch ist ein Medium, welches lange bewährt ist, um Erinnerungen festzuhalten – von Fotoalben über Tagebücher, bis hin zu Geschichtsbüchern. In meinem Buch inszeniere ich seine Worte auf den Doppelseiten so, dass die Anordnung der Buchstaben, das Lückenhafte seiner Kindheitserinnerungen widerspiegelt.

Anhand von Spiegeln übertrage ich diese Inszenierung auf die Ausstellung: Die Spiegel sind nicht als Ganzes, sondern in Bruchstücken in Szene gesetzt. Gestalterisch setze ich mich hierbei mit dem Raum für Interpretationen auseinander, der sich beispielsweise als (Erinnerungs-)Lücke oder sogar fehlendes Fragment einer Erinnerung ausdrückt. Die Besucher:innen schauen in ihr eigenes Spiegelbild und erkennen so hoffentlich die Verantwortung, die wir alle für den Erhalt unserer Erinnerungskultur tragen.

Mit meinen bisherigen Forschungen zu generativer KI und zu Erinnerungen als Fundament entwickelte ich mein Gestaltungskonzept weiter und entschied, dass KI trotz alledem Einzug in meine Arbeit erhalten soll. Besonders um auf den Gewissenskonflikt und dessen gesellschaftliche Relevanz aufmerksam zu machen: Indem die Spiegelscherben den Hintergrund für meine Prompts mit denen ich die Abbildungen zu Opas Erinnerungen generiert hätte, darstellen. So ergibt sich eine weitere Ebene seiner Erinnerungen ohne die originalen Worte zu verfälschen.

»Erinnerungssplitter – Wahrheit bewahren« lädt Ausstellungsbesucher:innen ein, die Individualität und Authentizität von Erinnerungen – besonders in unserer heutigen Zeit – zu erkennen und wertzuschätzen. Mit meiner Installation möchte ich den kritischen Diskurs zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz im gesellschaftlichen Kontext anregen und gleichzeitig die Kindheitserinnerungen meines Opas würdigen, die mich dazu inspiriert haben.

Idee und Gestaltungskonzept von Lisa Oelsen