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verfasst von Lea - Februar 14, 2025

Meine Erinnerung von Carl Lehmann

Geboren 1876, Gestorben 1951, Niedergeschrieben 1949, Fotodokumentation 2025

kuratiert von Lea Waldera

Vor mir liegt ein Bündel Papier - 18 Seiten getipptes Schreibmaschinenmanuskript. Formal betrachtet sind es Wörter, Sätze, aufgeteilt in Absätzen, ab und zu gibt es einen kleinen Versatz in den Wörtern, ein-zwei Streichungen und Korrekturen, auf einer Seite sind die Wörter übereinandergeschrieben und am Schluss gibt es einen Nachtrag für Seite 17. In sechs Kapiteln hält Carl Lehmann sein Leben und das seiner Eltern, Geschwister, Ehefrau und Kinder fest. Von 1849 bis 1959 auf 18 Seiten passen die Lebensläufe, Stammbäume, Einträge über sein Rentengeld, das Anheuern auf dem Schiff, die Seefahrten bis nach Japan und Südamerika, die Flucht vor dem Krieg, das Wiederfinden der Kinder nach dem Krieg, die Ausbildung als Bäcker, die Hochzeiten einiger Familienmitglieder, das Kinderheranwachsen, das Sterben von den Eltern, das Sterben der Geschwister, das Sterben der Kinder. Auf 18 Seiten wird ein Leben in all seinen Facetten bis ins Detail notiert, mit einer Klarheit und Nüchternheit heruntergeschrieben. Gerade deshalb bin ich sehr fasziniert von diesen Schriften. Es ist die Lebensgeschichte von meinem Ururgroßvater. Jeder Abschnitt, jedes Kapitel, jede Geschichte hat eine ungeheure Wucht und Bildgewalt in sich.

Diese Bildgewalt taucht nun plötzlich auf. Sie wird sichtbar in echten Fotos. Gefunden auf dem Dachboden, in einer vergessenen und unscheinbaren Kiste, fügen sich nun die Bilder zu den Worten. Kleine Schnappschüsse oder aus den Briefen gesammelt und hier mit dem „Tagebuch“ nun endlich wieder vereint. Das Leben von Carl, zusammengeführt und mit einem neuen Blick, kuratiert und verbunden von mir, seiner Ururenkelin.

Bildbeschreibung

Ich habe Carl Lehmann nie kennengelernt, aber seine Enkelin, meine Oma. Ab und zu habe ich ein paar kleine Geschichten über ihn gehört. Als ich diesen Stapel an Papier von meiner Mutter gezeigt bekommen habe, bin ich in die Erinnerungen abgetaucht. Wie im Rausch las ich all die Lebensgeschichten durch. Immer wieder überkamen mich die Emotionen. Mit einer unfassbaren Trockenheit sind in kurzen Sätzen dramatische Familienschicksale beschrieben. Es sind Lebensgeschichten die bis ins jetzt hineinreichen, einzelne Schicksalsschläge und gleichzeitig aus einer Zeit, wo diese Lebensgeschichten gang und gebe waren. Ich habe kaum mehr Kontakt zu diesen Generationen, doch wollte ich die Erinnerungen von meinem Ururgroßvater zum Leben erwecken und neu präsentieren und in der Gegenwart verankern.

Wie ein glücklicher Zufall, dass ich nun nicht nur seine schriftlichen Erinnerungen habe, sondern auch Fotos dazu. Dabei sind die Fotos nicht das was sie vorgeben zu sein. Es sind keine Schnappschüsse aus der Kamera von Carl Lehmann, es sind auch keine Dokumentationen aus dieser Zeit. Es sind durch Flux und Stabel Diffusion KI generierte Fotografien, erstellt durch die Texte von Carl Lehmann, kuratiert durch mich. Also alles nur eine Fälschung?

Egal wie oft ich diese 18 Seiten lese, jedes Mal verliere ich mich in ihnen. Immer wieder finde ich neue Geschichten in dem Getippten, neue Blickwinkel und Geschehnisse. Es kommt mir vor, wie ein Drehbuch und bei jedem Lesen spielt sich in meinen Gedanken ein Film aus all den Wörtern ab. Aus den Texten habe ich einige Passagen entnommen und in Flux als prompt eingegeben, mal genau die Wortlaute, mal etwas mehr umschrieben und angepasst. Gleichzeit habe ich dann eine Lora /real/. Daraus sind dann diese Dokumentationen der Zeit entstanden. Bis eine Szene genau passend für mich war, kamen in etwa 10-20 Bilder zustande. Diese Masse an Bildern und gleichzeitig der Hintergrund dieser Szenen, hat mir nochmal vor Augen geführt, dass diese individuellen Erinnerungen von meinem Ururgroßvater, die ich versucht habe bildlich festzuhalten, kein Einzelfall waren oder sind. Sie sind vielmehr das Gedächtnis, die Erinnerungen vieler Menschen und Generationen. Ein Leben voller persönlicher Momente, Augenblicke, Glück und Leid, festgehalten in Wort und Bild, als Ausdruck ihrer Zeit.

Bildbeschreibung

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Nachdem ich ein paar Bilder hatte ging ich in das Gespräch mit meiner Mutter und meiner Oma. Unabhängig voneinander sahen sie in einigen dargestellten Personen ihre Oma, Mutter oder Onkel wieder, obwohl ich keine Referenzen benutzt hatte. Das Erste was meine Oma sagte, als ich ihr die Bilder zeigte war: „Aber ich habe doch gar keine Bilder mehr von ihm!“ Während sie sich die Bilder anschaute, meinte sie, dass das Bild von der Backstube plötzlich ihre Erinnerungen an ihren Opa verändert hat. Auf einmal dachte sie, „aha, so groß waren also die Öfen“, „so muss es also auf dem Schiff ausgesehen haben“. „Man kannte die ganzen Geschichten vom Opa ja auch nur aus Erzählungen, diese jetzt so zu sehen, verändert die Bilder, die ich vorher im Kopf hatte.“ Nach dem kurzen Überraschungsmoment kam aber auch gleich die Skepsis. Sie wusste ja, dass wir keine Bilder mehr von unserem Ururgroßvater haben und dass die Bilder auch nicht ganz richtig waren. „Sie sehen alle so amerikanisch aus, das passt nicht“. Daher musste ich wohl noch einmal meine Darstellungen überarbeiten. Denn mir war es wichtig, meine Oma mit in mein Projekt aufzunehmen und von ihr noch mehr Input zu bekommen, sie konnte mir noch einige inhaltliche Fakten nennen, die ich in meinen Bildern nicht berücksichtigt hatte. Sie hatte nochmal einen ganz anderen Blickwinkel auf die Zeit und die Szenen. Dass sie in einigen dargestellten Personen auf einmal vermeintliche Verwandte gesehen hat, kam daher, dass zu der Zeit die Mode und der Stil sehr ähnlich waren. Die Reaktion auf ein Bild von der Kriegstrauung, „meine Mutter hatte auch immer so eine hochgesteckte Frisur und die Männer trugen alle die gleichen Anzüge, diese hier sehen noch etwas englisch aus, das war bei uns nicht so, aber im Großen und Ganzen kommt das schon hin“.

Bildbeschreibung

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Ausblick

Ich bin schon sehr weit gekommen, aber noch nicht fertig. Ich möchte die Bilder noch verfeinern und Details verschärfen durch KI generierte Bildbearbeitung, mit Krita. An einigen Stellen sind noch Verzerrungen zu sehen, Gesichter sind etwas verzerrt, Objekte zu undefiniert. Die Fotografien sollen beim ersten und zweiten Hinschauen, als Dokumentation aus der Zeit zwischen 1849 und 1959 dienen. Sie sollen die Erinnerungen an diese Zeit aufrechterhalten und die in einem neuen Licht darstellen. Aus den kurzen, klaren Textabschnitten soll durch die Bilder eine Emotionalität aufgebaut werden, die ich sofort gespürt habe, andere Menschen aber vielleicht nicht gleich empfinden, durch die Fotos aber lebendig werden könnten. Mein Ziel ist es, die Bilder in Kombination mit Textpassagen einer breiten Öffentlichkeit in der Ausstellung in „Originalgröße“ zu zeigen. Die Inszenierung (Fotografien in alten Metallrahmen und hängende Textpassagen) wird im ersten Moment eine Täuschung hervorrufen. Was ist echt? Was ist fiktiv? Diese Ausstellung und der Weg der Entstehung soll eine Diskussion aufwerfen, über persönliche und kollektive Erinnerungskultur. Sie soll Fragen aufwerfen: Was bleibt? Wie generieren sich Erinnerungen, wie entstehen Bilder im Kopf? Welche Möglichkeiten oder Gefahren entstehen, wenn fiktive Bilder reale überlagern? Welche Chancen können wir nutzen oder welchen Gefahren müssen wir uns stellen?

Bildbeschreibung

Ein Projekt von Lea Waldera